Auf der Folie kostet jede Idee gleich viel: eine Zeile. Im Code kostet die eine einen Nachmittag — die andere drei Jahre. Und vom Kopfende des Tisches aus sind die beiden nicht zu unterscheiden.

Ein Comic hat es 2014 in einem Dialog erledigt.

Eine App soll prüfen, ob ein Foto in einem Nationalpark aufgenommen wurde — ein Geodaten-Abgleich, ein paar Stunden Arbeit. Und ob auf dem Foto ein Vogel zu sehen ist — dafür, so die Antwort des Entwicklers, brauche es ein Forschungsteam und fünf Jahre. Zwei Anforderungen. Ein Satzbau. Größenordnungen dazwischen.

Der Comic In „Tasks“ verlangt dieselbe App zwei Prüfungen: „Foto in einem Nationalpark?“ gilt als trivial, „Vogel auf dem Foto?“ als praktisch unmöglich — ein Lehrstück über den Abstand zwischen leicht und aussichtslos. — Randall Munroe · xkcd 1425, „Tasks“, 2014

Die eigentliche Pointe kam kurz darauf. Der Fotodienst Flickr nahm den Comic als Herausforderung und baute den „Vogel-Erkenner“ als Machbarkeitsnachweis — wenige Wochen nach Erscheinen. Ein Jahr später übertraf maschinelle Bilderkennung erstmals den Menschen. Heute ist „Ist das ein Vogel?“ ein API-Aufruf. Ein Nachmittag.

Forschungsbasis 2015 senkte ein Deep-Learning-Modell (ResNet, Microsoft Research) die Top-5-Fehlerrate der ImageNet-Bilderkennung auf 3,57 % — erstmals unter die menschliche Referenz von rund 5 %. — He, Zhang, Ren & Sun · Deep Residual Learning for Image Recognition, 2015

Die Grenze zwischen trivial und unmöglich ist also nicht nur unsichtbar — sie verschiebt sich. Seit KI im Monatstakt. Was 2014 ein Fünf-Jahres-Projekt war, ist heute eine Zeile Integrationscode.

Zwei Fehler, ein Satzbau.

Das erzeugt zwei Fehler, die im Meeting identisch aussehen: Irgendwo finanziert man das Unmögliche, weil es auf der Folie leicht aussah. Und irgendwo beerdigt man das Triviale, weil es teuer klang.

Der zweite Fehler ist der tückischere. Ein finanziertes Unmöglich scheitert laut — man lernt daraus, korrigiert, streicht es. Ein beerdigtes Trivial scheitert lautlos: Es taucht in keinem Review auf, es verbraucht kein Budget, es meldet sich nie. Das teuerste Wort im Unternehmen ist ein „unmöglich“ von 2022. Es liegt in einer Schublade — und während die Grenze wandert, bleibt die Schublade zu. Niemand prüft ein Nein von damals nach.

Meinung gegen Tatsache mit Verfallsdatum.

„Strategisch sinnvoll“ ist eine Meinung. „Technisch lieferbar“ ist eine Tatsache mit Verfallsdatum. Sitzt niemand am Tisch, der beide Sprachen spricht, entscheidet die Meinung — und die Tatsache schickt später die Rechnung.

Ich habe beide Sprachen in dieser Reihenfolge gelernt: erst Code, dann Folien. Ich habe noch keine Entscheidung erlebt, die schlechter wurde, weil jemand am Tisch wusste, was der Satz kostet. Genau das trennt Beratung, die selbst gebaut hat, von einem Foliensatz, der nur die Folie liest: Die eine kennt den Preis jeder Zeile — und weiß, wann er sich seit gestern geändert hat.

Eine Roadmap, die niemand preisen kann, ist keine Strategie. Sie ist ein Wunschzettel mit Budget.

Wer über Technologie entscheidet, muss sie nicht selbst bauen können. Aber am Tisch muss jemand sitzen, der weiß, was die Zeile kostet — heute, nicht 2022.